Erschreckend: Geringerer Lohn und weniger Urlaub für Azubinen

4
Sep 2009

Am 28. August 2009 wurde ich über einen Zeitungsartikel in der Welt kompakt auf die erschreckenden Ergebnisse einer Studie aufmerksam, derzufolge männliche Lehrlinge ihre Ausbildung unter deutlich besseren Bedingungen absolvieren können, als weibliche. Der Ausbildungsreport 2009 des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) zeigt auffällige Unterschiede zwischen männlich und weiblich dominierten Ausbildungsberufen. Dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer scheint allgemein bekannt zu sein, “dass die Unterschiede zwischen Frauen und Männern schon in der Ausbildung so auffällig sind” überraschte aber auch Ingrid Sehrbrock, Viezechefin der DGB.

Der Ausbildungsreport basiert auf einer repräsentativen bundesweiten Befragung von 6920 Auszubildenden aus den, laut Bundesinstitut für Berufsbildung, 25 häufigsten Ausbildungsberufen. Die Forscher haben männlich dominierte Jobs wie Anlagemechaniker, Elektroniker oder Tischler mit weiblich dominierten Berufen, wie Friseurin, Hotelfachfrau oder medizinische Fachangestellte verglichen und festgestellt, dass junge Frauen unter schlechteren Bedingungen arbeiten als Männer: Sie bekommen weniger Lohn und Urlaub und leisten mehr Überstunden. Der Pressemeldung des DGB ist zu entnehmen, dass die Ausbildungsvergütung in männlich dominierten Berufen “im Schnitt mehr als 100 Euro oder fast 22 Prozent höher als in Frauenberufen” liegt. Auch beim Überstundenausgleich und den Urlaubstagen setzt sich dieser Trend fort: “Junge Metallbauer oder Elektroniker haben im Durchschnitt drei Tage mehr Urlaub als junge Friseurinnen oder medizinische Fachangestellte”, heißt es beispielsweise in dem aktuellen Ausbildungsreport.

Im Ranking der 25 häufigsten Ausbildungsberufe wurden laut DGB die FachinformatikerInnen am besten beurteilt, gefolgt von IndustriemechanikerInnen und Bankkaufleuten. Auf den letzten drei Rängen sind FachverkäuferInnen im Lebensmittelhandwerk, Hotelfachleute und Restaurantfachleute gelandet. Hauptkritikpunkt war dabei die hohe Anzahl an Überstunden. Fast 72 Prozent der angehenden Restaurantfachleute und 65 Prozent der Köche/Köchinnen berichten von regelmäßigen Überstunden. Bei den IndustriemechanikerInnen sind es dagegen weniger als 20 Prozent. Daher stellt sich inzwischen vielen die Frage, ob Ausbildungsbetriebe nicht systematisch von den Kammern kontrolliert werden sollten, um Ordnungswidrigkeiten aufzeigen und sanktionieren zu können. Auch Ingrid Sehrbrock fordert, die Arbeit von Frauen in diesen Berufen müsse endlich angemessen vergütet und gewürdigt werden: “Frauen dürfen nicht länger dafür bestraft werden, dass sie Dienstleistungen erbringen, Menschen pflegen oder beruflich Kinder erziehen.”

Dieser Meinung möchte ich mich natürlich anschließen, nicht zuletzt, weil auch ich einen weiblich dominierten Beruf (Psychologin) erlerne. Zwar sehe ich, dass sich unsere Gesellschaft hinsichtlich der Gleichberechtigung von Männern und Frauen auf dem richtigen Weg befindet, dennoch können einen Nachrichten wie die eben beschriebene schnell auf den Boden der Tatsachen zurück holen und zeigen, dass wir das Ziel der Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht haben. Es genügt langfristig nicht, dass die Erwerbsbeteiligung von Frauen stetig zunimmt und Berufe, die lange Zeit Männern vorbehalten waren (wie zum Beispiel bei der Bundeswehr) mittlerweile auch Frauen offen stehen, wenn gleichzeitig hinsichtlich der  Erwerbseinkommen von Männern und Frauen große Ungleichheit herrscht. Besonders, dass dieser Unterschied schon während der Ausbildungszeit deutlich wird, stimmt mich nachdenklich.

Mich würde sehr interessieren, was ihr, liebe Schüler und Azubis, oder Sie als Berufstätige darüber denken:

Ist es schlichtweg ungerechtfertigt bei den Gehältern Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu machen? Oder liegt die Rechtfertigung darin, dass Frauen häufiger Stellen besetzten (wollen), in denen man weniger Verantwortung hat? Bleiben in Frauen-dominierten Berufen auch zukünftig Frauen unter sich, weil Männer von geringeren Verdienstmöglichkeiten abgeschreckt werden? Wo gäbe es Lösungsansätze für diese Probleme?

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Implizite Religiosität und was uns im Leben trägt und leitet

10
Aug 2009

Dieses Buch bohrt tief und ist richtig schwere Kost. Es enthält sehr viele statistische Informationen und ist daher für Nicht-Wissenschaftler ungewöhnlicher Lesestoff. “Implizite Religiosität” wirft Fragen auf, die im Alltag oft auf der Strecke bleiben. Dabei bestimmen sie alles, was wir tagtäglich und tatsächlich tun. Dr. Tatjana Schnell hat dazu an der Universität Trier ihre Dissertation geschrieben, die 2009 in einer Neuauflage veröffentlicht wurde. Sie forscht heute an der Universität Innsbruck und baut dort die Sinnforschung auf.

In dem Buch “Implizite Religiosität – Zur Psychologie des Lebenssinns” geht es um die Fragen: Was trägt uns im Leben? Was leitet unsere Gedanken, unser Verhalten, unsere Gefühle? Welche letztgültigen Bedeutungen liegen unserem Leben zugrunde? Vielfältige Studien haben gezeigt, dass diese letztgültigen Bedeutungen – wir nennen sie Lebensbedeutungen – fünf Bereichen zugeordnet werden können:

  1. Selbsttranszendenz: Überschreitung eigener Bedürfnisse und Orientierung an einem größeren Ganzen (vertikal: an einer jenseitigen Macht; horizontal: an diesseitigen größeren Zusammenhängen)
  2. Selbstverwirklichung: aktive Entwicklung eigener Potentiale
  3. Ordnung: Bewahrung und Mäßigung
  4. Wir- und Wohlgefühl: Erlangen und Erhalten von körperlichem, seelischem und sozialem Wohlbefinden

Dabei ist Selbsttranszendenz der beste Prädiktor für ein sinnerfülltes Leben. Hilfreich ist es aber auch, wenn nicht nur eine, sondern mehrere Lebensbedeutungen verfolgt werden. Und noch besser, wenn diese aus unterschiedlichen Bereichen stammen! (S. auch Schnell, 2008).   Diejenigen Lebensbedeutungen, die für einen Menschen sehr zentral sind, werden häufig in ‘typisch religiösen’ Formen ausgedrückt: Sie sind wichtiger Bestandteil des (persönlichen) Mythos; sie werden regelmäßig im Handeln umgesetzt, in (persönlichen) Ritualen; und sie können Transzendierungserfahrungen erleichtern – also solche Momente, in denen wir für einen Moment über uns selbst hinauswachsen, uns selbst vergessen, eins werden mit der Welt…   In dem Buch werden persönliche Mythen, persönliche Rituale und Transzendierungserfahrungen ausführlich erläutert. Ihre empirische Erhebung wird beschrieben, Zusammenhänge untereinander und mit anderen Variablen werden dargestellt. Im zweiten Teil des Buches wird der Übergang von qualitativer zu quantitativer Forschung beschrieben: So wurde der Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe; Schnell & Becker, 2007) aus den qualitativen Ergebnissen heraus entwickelt.

Schnell, Tatjana (2009). Implizite Religiosität – Zur Psychologie des Lebenssinns. Lengerich: Pabst Science Publishers. Überarbeitete Neuauflage

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